Eigentlich wollen wir nach Gudauri, um Ski zu fahren, als uns die Lastwagenkolone überrascht. Sie steht still und verliert sich zum fingerbreiten Strich reduziert hinter der nächsten Bergflanke.
Sattelschlepper und Muldenkipper reihen sich Kopf an Heck und warten zum Strassengraben geneigt, bis es weitergeht. In der Luft liegt der Geruch eines Holzfeuers. Es glimmt alleine und stumm, denn die Fahrer verharren in ihren Kabinen bei Thermoskaffee und Zigarette und warten. Es sind Georgier, Armenier, Türken, Russen und Azerbaijaner, die ihre Fracht über den Javri Pass bringen wollen. Sie warten bis der Schwerverkehr nach Norden freigegeben wird.
Der Weg über den Pass verbindet zwei Jahrtausende: Strabon und Plinius der Ältere erwähnen die Route, die einem Gaul knapp genügend Platz bot, um seine Last über den Berg zu schleppen, bis 1783 auf Veranlassung Potempkins 800 Soldaten sie zu einer Strasse pickelten, schaufelten und befestigten und fortan auch ein Ochsengespann den Pass erreichte, oder eine Armee – daher ihr Name Heeresstrasse.

Inzwischen mühen sich jährlich rund 140’000 Laster zum 2395m hohen Javri Pass ab und verfrachten innert 15 Monaten eine Gütermenge so schwer wie die Cheopspyramide.
Bei Sepe (19km und 600 Höhenmeter vor unserem Ziel) erwacht die schlummernde Kolonie. Im Dieselrauch der kalten Motoren wippen sich vor uns die Laster zurück auf die Strasse, wie eine Herde Walrosse. Wir reihen uns ein, überholen, warten, reihen uns ein, Kurve um Kurve.
Wir fahren an einem Laster vorbei, dessen Fahrerkabine nach vorne gekippt ist. Der Fahrer ist über den Motor gebeugt und versucht mit in Lumpen gewickelten Händen die überhitzte Maschine zum Laufen zu bringen.
Kurz vor unserem Ziel überholen wir einen Muldenkipper; der Fahrer, um die dreissig, wirkt erschöpft und hochkonzentriert. Ihm und seinem Kipper bleiben noch 7 km bis zum Jvari Pass bevor er auf der anderen Flanke die 1200m runterbremst zur 37km entfernten georgischen Grenze.
Drei Tage später greift Putin die Ukraine an.
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