Unweit vom Dorf Dedoplistskaro erhebt sich inmitten sanfter Hügel einsam ein alter Berg. In seinem Schatten führen Stufen zur Klause des Hl. Ellias, die gut versteckt im Felsen errichtet wurde. Hier sitzen wir auf dem Sims des ehemaligen Glockentürmchens und lassen den Blick schweifen über die Shiraki Ebene, den Kocheri See und die fernen Ausläufer des Gombori-Massivs. Der Regen der Vortage hat die Luft geklärt, und im Licht der Abendsonne wirkt die Landschaft so frisch, als sei sie eben erst erschaffen worden.
Es täuscht. Die Gegend galt als Kornkammer Georgiens, doch das zunehmend trockenere Klima lässt Weizen und Sonnenblumen nur noch schlecht gedeihen, und mit den immer häufiger auftretenden Dürren breitet sich die Wüste aus und stellt den legendären Kampfgeist der Einwohner auf eine harte Probe. Nicht ihre erste! Fremde Heere fielen immer wieder in den strategisch wichtigen Ort ein, der als Einfallstor zu Georgien galt. Im Lauf der Geschichte haben sich die Kiziqi, so der Name der Einwohner, mutig gegen Perser, Mongolen, Bergstämme Dagestans, und die rote Armee gewehrt. Und dennoch, die letzte Generation musste zusehen, wie zwei von fünf Einwohnern den Ort verliessen.



Am nächsten Tag brechen wir auf zu den Schlamm-Vulkanen von Takhti-Tepha; zuerst aber verbringen wir zwei Stunden, um alle Bewilligungen für das Vaschlovani-Reservat einzuholen. Dann geht’s endlich los; mit ausreichend Wasser und frisch getankt biegen wir in die Schlagloch-Piste ein, die uns die kommenden 51km durchschütteln und -rütteln wird.
Zuerst fahren wir an Weizenfeldern vorbei, dann an Wiesen, dann an Sonnenblumenfeldern, dann erneut Wiesen, bis diese langsam ausdünnen. Die Landschaft ist sanft und wird zunehmend trockener und zunehmend stiller und verlassener. Unterwegs treffen wir Schäfer und einen Landwirt, der in seinem Pickup neugeborene Lämmer und ein Kalb geladen hat, um mit diesen den Herden vorauszufahren. Auf halber Strecke treffen wir Arbeiter, die mit schwerem Gerät Stahlrohre verlegen für eine Pipeline.


Gleich darauf fällt der Weg in ein breites Tal, offenbar das Ziel der Pipeline. Planlos und wild verstreut lehnen Blechbaracken und stehen Öltanks herum und am Rande der “Station” entdecken wir die unverkennbaren Pferdekopfpumpen für die Erdölförderung. Und um jeder Ordnung zu spotten, schlendert ein Dutzend zottelige Rinder ungestört grasend in der Anlage herum.
Das Grün wird karger und wir fahren durch eine Ebene, die an Nordafrika erinnert, bis plötzlich das Dalis Wasser-Reservoir in der Mittagshitze auftaucht. Das blaue Wasser, der Oleanderhein am Ufer und die bröckelnde Staumauer wirken surreal – ebenso bizzar ist die Geschichte des Damms. Mit dem Bau in den 1980ger wollte man das zweitgrösste Wasserreservoir Georgiens errichten. Nach Schwierigkeiten beim Bau und den Kollaps der Sowjetunion beabsichtigte die Regierung den Damm für landwirtschaftliche Bewässerungen zu nutzten. Menschen sollten in zwei Dörfer angesiedelt und das Land urbar gemacht werden – so die offizielle Version. Bei der ersten Flutung brach allerdings Panik unter den Arbeitern aus und das Vorhaben wurde buchstäblich versenkt – so die andere Version.

Fakt ist, der Damm wurde nie wie geplannt fertiggestellt, und von Anfang an erfüllte er keine Funktion. Er gilt als ein “non-functional reservoir located in an open field” (so ein Staats-Hydrologe). Na ja, nicht ganz, denn offenbar gelang es einer Privatperson, sich das Recht bis 2030 zu sichern, ihre Melonen mit Wasser vom See zu giessen und sich glegentlich einen Karpfen zu angeln.
Von all dem wissen wir nätürlich nichts und wir wundern uns über den Zweck und Sinn des verlassenen Sees, während wir auf dem Damm eine Pause machen. Kein Mensch ist zu sehen. Die Kinder vertreten die Füsse und wir schiessen ein paar Bilder vom Oleanderhein, dem See und den eigenartigen Türmen, die aus dem Wasser ragen.
Wir lassen den See hinter uns und nach eimem kurzen Anstieg erreichen wir das Hochplateu von Iori. Die Steppe färbt sich hier bereits braun. In der Mitte des Plateaus entdecken wir einen mehrere Meter breiten Riss, der die gesamte Ebene durchzieht und dessen Kanten senkrecht in eine dunkle Leere abbrechen. Eine Viertelstunde später öffnet sich der Riss und unser Toyota taucht der Piste folgend in den Schlund: es ist ein ausgetrockenes Flussbett, ein Wadi. Der Ausstieg gegenüber ist steil und sogleich verschwindet der Horizont unter der Haube des Geländewagens. Im Gedröhne des Motors mischt sich ein aufgeregtes Hupen. Hinter uns taucht ein weisser Hilux auf, hupend fordert er uns auf anzuhalten. Es sind Ranger. Nachdem wir ihnen unsere Bewilligung gezeigt haben, fordern sie uns auf, ihnen zu folgen. Es werden die schnellsten Kilometer unseres Abenteuers. Wir jagen ihnen hinterher. Im aufgewirbelten Staub sieht man zeitweise die Fahrspur nicht mehr. Georgier haben’s offenbar auch ausserhalb von Tbilisi eilig. Fehlt nur noch die Benny-Hill Musik, denn wie in einem Animationsfilm flitzen wir ihnen nach, erst entlang der Ebene, dann einen Hügelkamm hoch, dann runter, dann wieder hoch, bis sich der Weg gabelt. Der Hilux hält an, und die Ranger deuten uns, der linken Verzweigung zu folgen, wobei sie uns eindringlich warnen, uns vor den Kobras in Acht zu nehmen. Es ist klar, dass sie die giftige Levanteotter meinen, aber Kobra ist das beste Mittel gegen sprachliche Missverstädnisse. Vor der grössten Viper Europas hatten uns schon der Reiseführer und die Dame der Parkverwaltung gewarnt.



Der Weg führt weiter aufwärts, bis wir ein weiteres Plateau erreichen, unser Ziel Takhti Tepha. Es ist, als hätte uns der Kleine Prinz zu sich auf seinen Planeten eingeladen. Auf der sanft gerundeten Kuppe blubbert es leise und bedächtig aus kniehohen Kegeln. Warmes Schlammwasser tröpfelt aus den Kratern und versiegt oder verdunstet nach ein paar Metern, dabei bilden sich farbige Muster, die bei weiterem Trocknen feine Risse bekommen und weisslich werden. Wir haben das Gefühl, auf Puderzucker zu laufen und sind umso bedachter, unsere Neugierde und Bewunderung schonend auszukosten.

Der Ort ist unaufdringlich, seine Grösse und Schönheit enfaltet sich langsam und mit wachsender Intensität. Am Ende stehen wir staunend auf diese Bühne der Erdgeschichte und blicken hinunter auf die Iori Hochebene, auf die Regenbogen-Berge in der Ferne und den Dalis See, während der Wind hinter uns mit den Wolken Schattenspiele an die Azerbaidschanischen Bergen malt, weil Grenzen für ihn schon immer bedeutungslos waren.