Unser Blick schweift über die Steppe. Schafherden von mehreren hundert Tieren ziehen entlang der sanft abfallenden Hügelflanken und suchen unbekümmert vom nahenden Regen nach erstem Frühlingsgrün zwischen gedörrten Wollgras und Heidekraut. Mit ihren Hirten haben sie im kargen Grenzgebiet zwischen Georgien und Azerbaidschan überwintert, und nun fressen sie sich Fett an, bevor die Lämmer zur Welt kommen.
Wir sind unterwegs zu den Höhlenklöstern von Davit Gareja und Udabno. Der Salzsee an dem wir vorbeifahren mahnt uns, dass das Blühen der Sträucher und Gräser ein kurzes Spektakel ist bevor Hitze und Trockenheit die Steppe braun färben und die Herden vertreiben – nicht von ungefähr heisst Udabno Wüste auf georgisch.
Wir halten kurz an, weil einem der Kinder übel ist. Weit und breit ist kein Lebewesen zu sehen und ausser einem kühlen Wind ist alles still. Kaum haben wir einen Schluck Wasser getrunken als ein grosser Off-Roader der georgischen Grenzwache auftaucht und über einen Naturweg zu uns karrt. Wir werden aufgefordert weiterzufahren.

Seit dem Sommer 2019 sind die Beziehungen zwischen Georgien und Azerbaidschan angespannt, weil beide Länder Anspruch auf die Klosteranlagen im Grenzgebiet erheben. Wir haben Glück, die Grenzwächter bei Davit Gareja erlauben uns auch die Anlage oberhalb des Klosters zu besichtigen – vielleicht aus Mitleid, wegen dem feinen Nieselregen, der eingesetzt hat. Die Anlagen, die Regenbogen-Berge und der weite Blick über Steppe und Wüste hinterlassen bei allen einen tiefen Eindruck.


Auf dem Rückweg erblicken wir eine Herde Kühe, die weit verteilt im Steppengras weidet. Das Bild erinnert an einer Prärie und umherziehende Büffel.
Am frühen Abend treffen wir in Sighnaghi ein, die in Georgian als Stadt der Liebe gilt. Die Stadt thront hoch über die Weinebene Kachetiens und sollte eine umwerfenden Sicht auf die Bergkette des Grossen Kaukasus bieten – würden sich letztere nicht im Nebel verstecken.
Wir werden dafür im Pheasent’s Tears kulinarisch entschädigt: der zarte Salat aus Wilden Lauch und der vollmundige Rotwein verbinden Steppe und Weinregion auf wunderbare Weise, und machen Hunger auf mehr.



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