“Italiener sind emotional. Georgier auch – so wie Italiener, nur sind sie zudem noch durchgeknallt” erklärt mir Irakli, während er über sein Lenkrad späht und den Verkehr auf der Rustaveli Avenue überwacht, um gleich scharf in eine enge Gasse abzubiegen. Autos flitzen an uns vorbei, einige hupen zaghaft, so als hiessen sie unser kühnes Manöver gut – mehr geschieht nicht. Ich löse meinen Fuss vom imaginäre Bremspedal und versuche mich zu entspannen.
Mein Fahrer Irakli hatte mich vor einer Minute abgeholt. Die Taxi-App hatte mich auf der falschen Seite der Rustaveli-Allee lokalisiert, und so standen wir uns gegenüber getrennt von vierspurigen Abendverkehr und einer doppelt durchgezogenen Linie in der Mitte. Zwanzig Sekunden später sprang ich in Iraklis Taxi und wunderte mich, wie er den Umweg von 900m inklusive Kreisverkehr am Liberty Square in so kurzer Zeit hatte schaffen können.

Das war wo die Italiener und ihre Leidenschaft ins Spiel kamen. Ich gestand, dass ich es nie wagen würde in Tiblisi Auto zu fahren – bestimmt nicht zu Stosszeiten. Ich hätte in Sizilien am Steuer gesessen und mich sogar mit dem chaotischen aber umsichtigen Fahrstil der Sizilianer angefreundet, aber Tiblisi, dass sei einfach eine andere Liga. In der Fahrweise der Georgier konnte ich kein Muster erkennen an dem ich mich hätte orientieren können.
Die Hauptstrassen in Tiblisi sind zweispurig befahrbar, eine Einladung für Georgier zwischen den beiden hin und her zu wechseln, sei es, um Schlaglöcher oder Dohlendeckel auszuweichen, oder sich dem erratischen Verhalten des vorausfahrenden Lenkers anzupassen, oder eben auch nur weil es zwei Fahrspuren gibt, so wie Bergsteiger Berge besteigen nur weil der Berg da ist und sie ruft.
Da es alle eilig haben bremst niemand, und um das Ganze etwas aufzupeppen brettert gelegentlich ein Auto-Poser mit seinem Mercedes oder BMW SUV im zick-zack Kurs durch den Verkehr, als sei er auf der Flucht.
Der Nervenkitzel, um von A nach B zu fahren, erschöpft sich nicht auf der Hauptstrasse. Im selben Augenblick wie man diese verlässt und sich in das Netz von Gassen und Gässchen verliert, die wie Kapillare die Stadt durchdringen und Wohngebiete, Vergnügungs- und Geschäftsvierteln erschliessen, beklemmen einem zuweilen klaustrophobische Gefühle, vergessen ist die Sorge von einem Verrückten überfahren zu werden.
Beidseitig geparkte Autos säumen den Weg und und ich hoffe, der Platz reicht für die Durchfahrt. Mein Glaube wird gleich auf die Probe gestellt, als ein Toyota Pickup um die Ecke biegt und auf uns zusteuert. Während meine Füsse das imaginäre Bremspedal suchen, bleibt Irakli standhaft und sein Redefluss stockt nicht einmal. Die Fahrzeuge kreuzen sich ohne zu touchieren und ohne abzubremsen. Georgische Autofahrer mögen emotional und etwas verrückt sein, aber mit Sicherheit sind sie kaltblütige Halbgötter, wenn sie hinter einem Lenkrad sitzen.
Selbstverständlich ist der Pfad zur Meisterschaft und zum Halbgott auch in Georgien mit Fehlschlägen gepflastert. Täglich begegnet man Autos, denen die Kotflügel fehlen. Frontseitig sehen sie aus als zögen sie Grimassen, ein wenig wie der Joker in Batman. Sie sehen lustig und gleichzeitig zum Fürchten aus, so als hätten sie nichts mehr zu verlieren. Das ist der Zeitpunkt, wo ich stumm murmle: “Du sollst nicht Autofahren in Tiblisi, nicht zu Stosszeiten, niemals!”
